Geschichte der Reichsbrücke

1872-1876 - Donauregulierung und erste Brücke "Kronprinz-Rudolph-Brücke"

Am 12. September 1868 erteilte Kaiser Franz Joseph I. den Auftrag zur Donauregulierung und zum Bau einer "stabilen Brücke", die in direkter Verlängerung der Jägerzeile (heute Praterstraße) und der Schwimmschulstraße (heute Lassallestraße) errichtet werden sollte. Die Brücke sollte die Fortsetzung einer zentralen städtischen Achse sein, die von der Schönbrunner Gloriette über den Stephansdom und den Praterstern hin zur Donau reichte.

Im August 1872 wurde unter der Leitung von Mathias Waniek, dem Leiter des Straßen- und Wasserbau-Departments im Innenministerium, mit dem Bau der "Reichsstraßenbrücke" begonnen (Hufnagel, 2002).

Nach einer rund vierjährigen Bauzeit (1872 bis 1876) wurde am 21. August 1876 durch den Statthalter von Niederösterreich, Sigmund Freiherr Conrad von Eybesfeld, die Wiener Kronprinz-Rudolph-Brücke über die Donau eröffnet. In seiner Rede drückte er aus, was alle hofften: "Fest, sicher und unverletzlich, wie wir sie heute sehen, möge diese Brücke bestehen Jahrhunderte lang".

Kronprinz-Rudolf-Brücke

Die Brücke war - mit den Auffahrtsrampen - fast 1.020 Meter lang und 11,5 Meter breit, die Fahrbahnbreite betrug allerdings nur 7,58 Meter. Die Baukosten betrugen 7,38 Millionen Kronen. 1919 erfolgte die Umbenennung in Reichsbrücke. Sie stellte die größte Brückenverbindung über die Donau dar, ein repräsentatives Bauwerk für die aufstrebende Weltstadt Wien.

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1934-1937 - Errichtung einer Kettenbrücke

Zu Beginn der 30er Jahre traten ernste Schäden an der alten Reichsbrücke (gebaut als "Kronprinz-Rudolph-Brücke" unter Kaiser Franz Joseph I) auf, weshalb man sich zum Neubau entschloss. Im Frühjahr 1933 wurde für die "neue" Brücke am "alten" Platz ein Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem das Projekt "Kettenbrücke" hervorging. In den Jahren 1934 bis 1937 wurde die Brücke nach Plänen von Siegfried Theiß und Hans Jaksch (künstlerische Gestaltung Clemens Holzmeister) neu gebaut. Die Brücke wurde als Kettenbrücke mit freier Überspannung von drei Vierteln der vollen Strombreite ausgeführt, welche an die bestehende, lediglich verbreiterte Vorlandbrücke anschloss.

Kettenbrücke von 1937

Für das damalige Regime des austrofaschistischen "Ständestaates" war die Errichtung der Reichsbrücke ein wichtiges ökonomisches Projekt, welches in die Arbeitsbeschaffungsprogramme der Regierung Dollfuß und Schuschnigg eingegliedert wurde. Im Februar 1934 wurde offiziell mit dem Neubau begonnen, einer Zeit mit größten innenpolitischen Unruhen. Im September 1934 wurde das alte Tragwerk in einer spektakulären Aktion um 26 Meter stromabwärts verschoben, ohne den Verkehr über die Donau auf längere Zeit unterbinden zu müssen. Bald danach traten unvorhergesehen Probleme auf, bei deren Lösung es zu einem erbitterten Expertenstreit kam, der zwei Menschenleben forderte.

Ein weiteres tragisches Ereignis geschah im Juni 1936, als der Personendampfer "Wien" der DDSG gegen einen Strompfeiler trieb und daraufhin sank. Das Unglück forderte sechs Menschenleben.

Die neue Kettenbrücke wurde am 10. Oktober 1937 durch Bundespräsident Miklas und Kardinal Theodor Innitzer eröffnet. Sie war damals die drittgrößte Kettenbrücke Europas. Die neue Brücke besaß je zwei Fahrspuren für Autos, zwei Richtungsgleise für die Straßenbahn und Gehwege an beiden Seiten. Insgesamt 31.500.000 Schilling kostete die neue Reichsbrücke.

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1946 - "Brücke der Roten Armee"

Die Brücke hatte große Bedeutung für die Stadt Wien, nicht nur als neues Wahrzeichen sondern auch in strategischer Hinsicht. Dies zeigte sich in den letzten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft, als diese in der "Schlacht um Wien" zum heftig umkämpften Kriegsschauplatz wurde. Die sich zurückziehenden SS-Einheiten drohten, die Reichsbrücke - wie zuvor auch alle anderen Wiener Donaubrücken - zu sprengen. Dieses Vorhaben wurde erst in letzter Minute verhindert. Warum die Sprengladung letztlich nicht gezündet wurde ist nicht ganz geklärt. Nicht nur die sowjetische Armee, sondern auch die österreichische Widerstandsbewegung und selbst Angehörige der deutschen Truppen reklamierten später die Rettung der Brücke für sich.

Die Brücke hatte die Kriegshandlungen beinahe unbeschadet überstanden und war damals die letzte nicht gesprengte Brücke über die Donau im Raum Wien. Eine Gedenktafel, die laut Staatsvertrag am Geländer angebracht sein muss, weist darauf hin: "Dem heldenhaften Gardelandungstrupp und den Matrosen der Sowjetunion in Dankbarkeit das befreite Wien". Vom 11. April 1946 bis 18. Juli 1956 hieß die Reichsbrücke "Brücke der Roten Armee".

1976- Der Einsturz der Reichsbrücke

Am 1. August 1976, einem Sonntag, stürzte die Reichsbrücke in den frühen Morgenstunden knapp vor fünf Uhr früh ein. Die Katastrophe hatte ein Menschenleben gefordert. Ein Autolenker befand sich zur Zeit des Einsturzes direkt auf der Brücke. Angesichts der Tatsache, dass die Brücke in den Stoßzeiten zu den meist befahrenen Straßenabschnitten Wiens gehörte, war die Opferzahl glücklicherweise gering.


Quelle: http://www.aeiou.at (2004)

Einsturz der Reichsbrücke

An einem Durchschnittstag war die Brücke von etwa 18.000 Fahrzeugen pro Stunde frequentiert. Zum Zeitpunkt des Einsturzes befanden sich gerade vier Fahrzeuge im Brückenbereich. Ein Pkw-Lenker verunglückte dabei tödlich. Ein passagierloser Autobus der Wiener Verkehrsbetriebe stürzte ebenfalls mit der Brücke ab. Der Lenker konnte unverletzt vom Dach des Busses geborgen werden. Die Bergung des Busses gelang erst nach mehreren vergeblichen Versuchen am 9. August. Zwei weitere Fahrzeuge blieben in Schräglage auf der Brücke hängen. Ein rumänisches Passagierschiff sowie das DDSG-Schiff "Passau" wurden durch herabfallende Trümmer beschädigt. Augenzeugen berichteten später dass sich die Brücke plötzlich um einen halben Meter gehoben hat und dann laut krachend auf der gesamten Länge abgesackt ist.

Eingestürzte Reichsbrücke - Luftbild

Bereits um 6.30 Uhr trat unter dem Vorsitz von Bürgermeister Leopold Gratz im Wiener Rathaus ein Krisenstab zusammen. Bürgermeister Gratz nahm sofort Kontakt mit Bautenminister Moser wegen des Baus einer Behelfsbrücke auf. Die Versorgung des 21. und 22. Bezirks mit Gas, Wasser und Strom funktionierte. Die Telefonleitungen waren zum Teil unterbrochen. Der Krisenstab beschloss für den Raum Reichsbrücke eine Reihe von Verkehrsmaßnahmen sowie die Einrichtung einer Telefon-Kurznummer 15 35, um die Bevölkerung über die getroffenen Maßnahmen zu informieren. Bereits in den Nachmittagsstunden gaben der Bürgermeister und der Bautenminister bekannt, dass eine vom Bund und Stadt gemeinsam eingesetzte, aus vier Universitätsprofessoren bestehende Untersuchungskommission die Ursachen für den Einsturz detailliert und so rasch wie möglich prüfen wird. Es wurde auch veranlasst, dass der gesamte Prüfbericht über die Ursachen des Einsturzes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Nach mehrmonatigen Untersuchungen kam die Expertenkommission zu dem Ergebnis, dass die Katastrophe nicht vorhersehbar war. Der Einsturz stellte ich als Zusammenwirken einer Reihe von Faktoren dar, zu denen ungünstige Witterungs-, Strömungs- und Temperatureinflüsse, die Wahl des Auflagerostes aus Blechträgern auf einem unbewehrten Betonsockel sowie die Wirkung des Kriechens und Schwindens des Betons in einem Pfeilersockel gehörten. Eine zerstörungsfreie Prüfung des Betons in den Pfeilersockeln war jedoch mit den damaligen Mitteln nicht möglich.

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1977 - Neubau der Reichsbrücke

Der Einsturz der Reichsbrücke im Jahr 1976 hatte große Konsequenzen für die Verkehrsinfrastruktur der Stadt Wien. Die Donauschifffahrt war unterbrochen, ein zentrales Bindeglied zu den bevölkerungsreichsten Bezirken Floridsdorf und Donaustadt war gekappt. Noch im Dezember 1976 wurde daher ein internationaler Wettbewerb zu Errichtung der neuen Reichsbrücke, basierend auf der aktuellen stadtplanerischen Leitlinie, ausgeschrieben. Der Zeitpunkt für die Neuerrichtung war denkbar günstig, denn ursprünglich war nahe der alten Reichsbrücke eine eigene U-Bahn-Brücke über die Donau geplant. Durch den Einsturz konnten sämtliche neuen Verkehrswege in den Neubau integriert werden. Außerdem konnte die Höhe des neuen Stromtragewerkes gleich auf ein hohes Stauziel der Donau ausgerichtet werden und damit ein Donaukraftwerk im Raum Wien mit berücksichtigt werden.

Aus dem Wettbewerb ging nach der Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz des anerkannten Brückenbauexperten Fritz Leonhardt das Projekt "Johann Nestroy" von Architekt Norbert Kotz als Sieger hervor, eine zweigeschossige Spannbetonbrücke, bestehend aus drei Abschnitten (Strombrücke, Brücke über die Neue Donau, Brücke über die Donauuferautobahn). Auf dem Oberdeck waren sechs Fahrspuren für den Autoverkehr vorgesehen, während im Unterdeck zwei Trassen für die U-Bahn, Fuß- und Radwege sowie zentrale Versorgungsleitungen untergebracht werden sollten. Mit etwas Verspätung wurde im Jänner 1978 mit den Bauarbeiten begonnen, die bereits drei Jahre später abgeschlossen werden konnten. Am 8. November 1980 eröffnete der Bundespräsident Rudolf Kirchschläger die neue, nunmehr dritte Reichsbrücke.

Die neue Reichsbrücke - Luftansicht Die neue Reichsrbücke - Perspektive

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1982 - U-Bahn-Linie U1 über die Reichsbrücke

Die U-Bahn-Linie U1, die auch eine Station auf der Donauinsel besitzt, fährt seit 3. September 1982 über die Reichsbrücke.

Heute

Die Reichsbrücke ist heute aus stadtplanerischer Sicht eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Alt- und Neu-Wien. Die Brücke wird von 2003 bis 2005 instandgesetzt, um auch in Zukunft ihre übergeordnete Funktion im Wiener Verkehrsnetz zu erfüllen. Seit Ende des Jahres 2004 ist auch ein Überwachungssystem in der Brücke aktiv.

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Quellen:
(1) http://www.wien.gv.at/ma29/donaubr/reichsbr/ (2004), MA 29 - Brückenbau-Grundbau, Stadt Wien.
(2) Walter Hufnagel (2002); Querungen: Brücken-Stadt-Wien; MA 29 - Brückenbau-Grundbau, Stadt Wien, Verlag Sappl.
(3) http://www.aeiou.at (2004)